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U R A U F F Ü H R U N G Zitty 2/2005 MONTAGE Und Heimat - Eine Oper Theater unterm Dach Das Stück beginnt großartig. Drei Spieler schlurfen über die karge, mit einem minimalistischen Folienhorizont versehene Bühne und brabbeln durcheinander. Nach und nach fügen sich die Stimmen zu einem Anti-Aufsteh-Blues, der in einen Anti-Familien(feier)-Blues mündet und allen Schmerz, allen Welt- und Selbstekel bündelt, der sich im modernen Geschöpf im Lauf der Jahre angesammelt hat. Mit Musik (Pop, Rock, Schlager), existentialistischem Gebrüll und theatralen Fragmenten skizziert die famose Regie von Amina Gusner einen brüchigen und doch immer wieder zusammengeleimten Familienverband aus Mutter und zwei Söhnen. Die Mutter träumt von einem Hotel im Braunkohlenrevier, das - o blühende Landschaft - Naturschutzgebiet werden soll. Dem einen der Söhne graust es schon zum Beginn der Frühschicht vor der Arbeit, der andere geht deshalb gar nicht erst hin, spielt lieber den ganzen Tag Gitarre und legt nebenbei die Frauen flach. PeterRene Lüdicke und Werner Engspielen mit Bravour die Differenz zwischen farblosem Angestellten und hyperaktivem Szenekotzbrocken aus. Doch immer scheint bei ihnen wie auch bei der Mutter (Ursula Staack) ein Ringen um des Daseins Würde auf. Ein paar Längen hat der Abend, schnell durchschaubar sind die Mittel - aber so vital und pointiert, dabei gewichtig und doch schwerelos wurde selten heutiges Leben auf die Bühne transportiert. Tom Mustroph Neues Deutschland 8.12.04 Weiß die Mutter,wo es langgeht? Theater unterm Dach zeigt "Und Heimat- eine Oper" von Robert Meyer Ursula Staack kommt auf die Bühne wie eine zu Fleisch gewordene Dampfwalze, der man den Satz in den Mund legt: "Ich weiß, was ich will und wie ich es kriege". So stellt man sich eine Mutter vor, die immer weiß, wo es langgeht und ihren Söhnen das glasklar vermittelt. Weit gefehlt! Mutter ist ebenso fehlbar und verletzlich wie ihre Söhne, und alle drei wissen nicht so recht, wie sie aus ihren Lebenssackgassen wieder herauskommen sollen: Wo sind sie zu Hause, was ist das eigentlich, und wer hat Schuld an ihrem Dilemma? In "Und Heimat" macht Amina Gusner aus diesem Frage- und Beziehungsgeflecht eine Art Sing- und Rockoper (Musik: Paul Wilke), die vom Premierenpublikum im Theater unterm Dach mit viel Applaus auch zwischen den Szenen aufgenommen wurde. Mit "Mütter und Männer - Ein Europakomplex" erhielt Amina Gusner im Sommer bei den 20. Hessischen Theatertagen den Preis "Junge Experten". In ihrem neuen Stück thematisiert sie Familie, Fremdheit, Mutter-Sohn-Verhältnisse. Das Stück schildert einen Abend in der Familie. Eine Mutter und ihre beiden Söhne (Werner Eng und Peter Rene Lüdicke) geraten in einen Mahlstrom aus Missverständnissen, Schuldeingeständnisson, Gewohnheiten. Die Collagen aus Texten von Sibylle Berg, Hermann Hesse, Peter Weiß, Ludwig Wittgenstein, Franz Kafka und anderen he leuchten gegenseitige Abhängigkeit und Fluchtimpulse. Die Bühne (Johannes Zacher) besteht aus ein paar Stühlen, gespielt wird vor dem Hintergrund einer weiß leuchtenden Breitwand mit dem Effekt, dass Spiel und Figuren mehr Konturen bekommen. Der ältere der beiden Söhne, bei der Flugsicherung tätig, hält sich für langweilig, aber schlau, klagt über monotonen Gleichklang seines Daseins und verschafft sich in heftigen Anfällen Luft. Der jüngere, ein trotziger Gitarrenspieler in ständigen Geldnöten, wird nicht erwachsen. Und die Mutter wünscht sich ganz dringend "einen richtigen Mann, den man lieben kann". Die Szenen gehen flüssig ineinander über. Wenn die Emotionen über die unerfüllten Wünsche kochen, wird gesungen. Was auf der Bühne gezeigt wird, sind typische menschliche Reaktionen darauf, wenn keine Lösungen greifbar sind. Manchmal kommt das übersteigert daher, aber dem realen Leben ist es durchaus recht nahe. So geht man raus mit Fragen an sich selbst. Berliner Zeitung/ Feuilleton 04.12.2004 Mutter als Kontrabass Mit "Und Heimat - Eine Oper" wird das Theater zur familiären Spielwiese Verzeih mir Mama/ Ich wollte dir nie wehtun/ Ich will nicht dass du weiheiheinst/ Doch heute nacht/ Da räum ich meinen Schrank auf!" Der große Sohn (Peter René Lüdicke) singt einen selbst erfundenen Song - das Schnäbelchen weit aufgerissen, die Äuglein zusammengekniffen, das Kehlchen heiser vor Inbrunst. Die anderen gucken ein bisschen ratlos. Der Bub aber vergisst sich komplett im eigenen Hit. Hier meldet sich vehement der kreative Anteil im Angestellten. Denn der Mittvierziger im blauen Anzug arbeitet bei der Flugsicherung: "Ich bin ein bisschen langweilig - aber nicht dumm!" Amina Gusner inszenierte mit drei Schauspielern die herzoffene und fantasiepralle szenische Montage "Und Heimat - eine Oper" im Theater unterm Dach. Eine Mutter und ihre zwei ungleichen Söhne winken einander aus den drei Sackgassen ihres Lebens fröhlich zu. Vor einer weiß leuchtenden Breitwand (Bühne: Johannes Zacher) stehen drei Stühle, und schon ist die familiäre Spielwiese fertig. Eigene Texte und (unauffindbar gut versteckte) Zitate von Sibylle Berg, Ludwig Wittgenstein oder Franz Kafka mischen sich bunt mit bekannten Melodien und selbst gebastelten Liedern (Musik: Paul Wilke). Verschafft sich der ältere Sohn in eruptiven Anfällen Luft vom knechtenden Gleichtritt des Daseins, so ist der jüngere ein gitarrespielender Berufsjugendlicher mit Lederjacke und Geldnot (Werner Eng). Beim brüderlichen Kneipenbesuch erleidet er einen Dauerkollaps, gegen den jedes hyperaktive Kind einer Schlaftablette ähnelt. Die Mutter, eine üppige, stramm verlebte Dame, wünscht sich heftig einen Mann, und weiß doch: "Als Frau jenseits der fünfzig hast du die Arschkarte". Ursula Staack steht zur Sehnsucht wie zur Kurzatmigkeit. Als der Große seine Mutter aus Versehen als Kontrabass benutzt, schlägt die Peinlichkeit wie eine Hitzewelle über ihr zusammen. Ohne viel Aufhebens, leicht und unangestrengt, entspringt eine Szene der anderen. Manchmal nutzen sich die Mittel ab und das Publikum ermattet vorübergehend wegen Überfütterung. Hinter all den lustigen Gemeinheiten und Gefühlsausbrüchen aber konkurrieren schmerzhaft die Bedürftigkeiten. Die drei ersparen einander nichts, eines jedoch vermeiden sie akribisch: die Berührung. Ein einziges Mal nimmt der Große seine traurige Mutter in den Arm und hält sie fest. Schon kullern die Tränen. Es ist so einfach. Und unsagbar schwer. Katja Oskamp |