Mütter und Männer
Preis

Hessische Theatertage 2004: | 06.07.2004
Preis „Junge Experten“ geht an das Staatstheater Kassel für die Produktion MÜTTER UND MÄNNER
Die Produktion „Mütter und Männer“ von Amina Gusner und Anne-Sylvie König ist bei den Hessischen Theatertagen in Gießen mit dem Preis „Junge Experten“ ausgezeichnet worden. Eine sechsköpfige Jury junger, theaterbegeisterter Menschen war aufgefordert, alle Veranstaltungen, Installationen, Ausstellungen und Performances jenseits der großen Bühnen in Augenschein zu nehmen. Die Jury verlieh den Preis einstimmig an das Staatstheater Kassel und das Theater unterm Dach, Berlin für die Gemeinschaftsproduktion „Mütter und Männer“.
„Mütter und Männer“ sei das beeindruckendste – insbesondere für ein junges Publikum inszenierte und choreografierte – Stück, erklärten die Juroren. Der Intendant des Kasseler Staatstheaters nahm den Preis freudestrahlend entgegen und betonte, dass das Freibeutertheater in Kassel genau diese Linie verfolgt habe, junges, theaterfernes Publikum zu gewinnen ohne in einen gesellschaftlichen Klassenkonflikt von Jung und Alt zu kommen.


MÜTTER UND MÄNNER
Rilke in der WG
"Mütter und Männer", eine Uraufführung in Kassel
Frankfurter Rundschau, 14. Oktober 2003

Zwei Männer, zwei Frauen, vier Stühle -und jede Menge Komplexe. Für die Textmontage Mütter und Männer, die jetzt auf der Studiobühne frizz im Kasseler Fridericianum uraufgeführt wurde, braucht es nicht viel. Oder richtiger: Es wirkt so, als brauche es nicht viel. In der Koproduktion des Kasseler Staatstheaters mit dem Berliner "Theater unterm Dach" reden vier Singles 75 Minuten lang über ihre Unfähigkeiten zu lieben und zu leben und - das vor allem - aneinander vorbei. Das Spiel mit Geschlechterkampf, Rollenmustern und Klischees gelingt dabei mit einer solchen Leichtigkeit, dass sich die komplizierte Komposition der Collage kaum mehr aufdrängt.

Was in seiner wichtigtuerischen Banalität so klingt, als sei es vom Nachbartisch in der Szenekneipe aufgeschnappt, sind in Wirklichkeit jedoch Variationen über Weltliteratur. "Im Prinzip sind wir ganz schön lyrisch", sagt Amina Gusner. Für Mütter und Männer hat die Berliner Schauspielerin und Regisseurin mit der Kasseler Dramaturgin Anne-Sylvie König die Werke von Rainer Maria Rilke, Hermann Hesse oder Elfriede Jelinek gefleddert. Den Stücktext entwickelten sie in freier Bearbeitung einzelner Sätze der Meister. "Wir haben sie so behandelt, als seien sie aus der WG-Runde entstanden."

Vorangetrieben von der Musik Paul Wilkes, reihen sich bruchlos hysterische Beziehungsstreits, Monologe über Kindheitstraumata und Annäherungsversuche aneinander. Munter trampeln sich die vier Akteure gegenseitig auf der Seele herum, immer am Rande des Nervenzusammenbruchs, in einer eigenartigen Mischung aus Egoismus und Selbstzweifel. "Wenn du eins in deinem Leben ändern könntest, was würdest du ändern?" - "Na mein Leben." Dass das nicht bleischwer, sondern überaus unterhaltsam daher kommt, hegt nicht nur an dem oft wundervoll absurden Witz des Textes, sondern auch an der exakt getimten Inszenierung. Obwohl es keine durchgängige Handlung gibt, geht die Spannung dank des hohen Tempos und der ungemein dichten Szenenfolge nicht verloren. Gusner reiht nicht einfach ein Motiv ans nächste, sondern lässt sie sich überlagern. Mitunter geschieht in jeder Ecke der von Johannes Zacher mit weiß leuchtenden Spindschränken schlicht gestalteten Bühne etwas anderes, ist jede Person in ihrem eigenen Film gefangen. Wie Gusner es geschafft hat, dass trotz dieser Gleichzeitigkeit kein Chaos entsteht, beeindruckt. Doch diese Leistung ist nicht zuletzt dem ausnahmslos starken Ensemble zu verdanken: Anne Keßler, Kristin Muthwill, Peter Rene Lüdicke und Frank Voigtmann bringen das Single-Quartett mit Humor und Temperament auf die Bühne und spielen, als seien sie wie selten in ihrem Element. Das Publikum der Uraufführung dankte mit stürmischem Applaus und Bravorufen.

von Joachim F. Tornau


SPRECHEN, FLÜSTERN, TOBEN, RASEN

HNA, 13.10.2003
KASSEL. Der Titel täuscht. "Mütter und Männer - ein Europakomplex" der Berliner Autorin Amina Gusner ist weder ein Familienstück im herkömmlichen Sinn noch eine Boulevardkomödie. Sie ist etwas viel Ambitionierteres: ein Theaterexperiment, das auf durchgehende Handlung verzichtet und von der Sprache lebt, vom innovativen Umgang mit Wörtern und Sätzen. Sprache ist hier weit mehr als nur Mitteilung - sie ist auch Kompositionsinstrument.

In ihrem neuen Stück, das am Freitag auf der Kasseler Studiobühne Frizz in der Regie der Autorin uraufgeführt wurde und in Kooperation mit dem Berliner "Theater unterm Dach" entstand, bricht Gusner die fest gefügte Syntax auf, lässt die vier Schauspieler - zwei namenlose Männer, zwei Frauen - in immer neuen Anläufen und kreisförmig angelegten Wiederholungen gegen die als qualvoll empfundenen Zwänge von Gesellschaft, Ich und Welt opponieren. Das Stück bildet den Auftakt einer sechsteiligen Reihe "Jenseits von Amerika", die aktuelle europäische Theatertexte vorstellen will.

Die Bühne (Johannes Zacher) ist karg ausgestattet - vier säulenartige Lampen, vier Stühle. Die Akteure sind Einzelkämpfer, Singles, deren Bemühungen um eine Paarbeziehung immer wieder scheitern oder die eine solche auch gar nicht wollen. Die Zuordnung der Figuren changiert, ihre Identität ist schillernd, sie sind verunsichert, ratlos, voller Angst. Leisen, fast poetischen Momenten der Stille folgen heftige Ausbrüche, Attacken gegeneinander und gegen sich selbst. Dabei entsteht eine innere Dramaturgie der Emotionen, die Spannung erzeugt, die trotz der fragmentarischen Miniszenen eine sich steigernde Fieberkurve der Gefühle erkennen lässt, die zu einem Höhepunkt hinführt - einem gescheiterten Liebesversuch - und dann abbricht.

Die einzelnen Kurzszenen sind sprachlich subtil gestaltet und nicht ohne Komik, die aus Sprachspielen entsteht, aber auch Slapstickelemente aufweist.

Sie sind nach einem musikalischen Muster miteinander vernetzt und werden von den durchweg ausgezeichnet agierenden Darstellern Anne Kessler (Frau 1), Kristin Muthwill (Frau 2), Peter-René Lüdicke (Mann 1) und Frank Voigtmann (Mann 2) mit großer Präzision, aber auch mit elementarer Spielfreude vorgeführt.

Hundert "Geschichten", alle nur angetippt, fügen sich im Kopf des Betrachters trotz alles erhellenden Witzes zu einem deprimierenden Gesamtbild. Die Auflösung alter Rollenbilder, die drängende Frage "Wer bin ich?", die nie eine befriedigende Antwort findet, die Vergeblichkeit menschlicher Beziehungen, Trennungsschmerz und Versagen schlagen den dunklen Grundton an, die Vielfalt und Komplexität der messerscharfen Texte lassen die Vorläufigkeit und Bindungslosigkeit modernen Lebens deutlich hervortreten. Die Musik von Paul Wilke verstärkt diesen Akzent. Herzlicher, andauernder Beifall für Darsteller und Regie-Team.

von Claudia Sandner-von Dehn


Theater der Zeit November 2003

Kassel/Berlin

Am Rande des Nervenzusammenbruchs

Staatstheater/Theater unterm Dach: "Mütter und Männer - Ein Europakomplex" von Amina Gusner und Anne-Sylvie König Regie Amina Gusner, Bühne Johannes Zacher

Es gibt Momente, in denen man lieber für sich wäre. Und es gibt Gedanken, die man besser in seinem Kopf einsperren sollte. Peinlichkeiten und Abgründe im Miteinander und in einem selbst. Amina Gusner, Filmschauspielerin und Regisseurin, hat mit ihrer freien Gruppe allein-im-Hausflur in Koproduktion mit dem Staatstheater Kassel und der Berliner off- Bühne Theater unterm Dach solche Momente feinsinnig ausgelotet. Vier Schauspieler - zwei Männer, zwei Frauen - switchen von einer selbst gefährdenden und entblößenden Situation nahtlos zur nächsten. Da steht Peter Renè Lüdicke im Supermarkt und schreit sich (zumindest innerlich) den Ekel vor und das Genervtsein an den anderen Kunden aus der Seele, oder gerät beim Jackenkauf in Panik da der Preis der Ware seine finanziellen Möglichkeiten bei weitem übersteigt. Es sind diese kleinen alltäglichen und doch wohlbekannten Szenen, die Gusner und ihr Tearn sezieren - oft mit Zuhilfenahme von Fremdtexten. So wird zum Beispiel aus Heiner Müllers an den Zuständen der Welt verzweifelnder Hamletfigur aus "Hamletmaschine" eine depressive, sich selbst hassende Frau. Das Große wird zum Kleinen, das Gesellschaftliche zurr Privaten und doch steht das Besondere für das Allgemeine ein, entsteht aus den Einzelschicksalen das Bild einer in der Masse vereinsamten Gesellschaft. Das "Ich würde gern/dass wir uns nahe sind." aus Falk Richters"nothinghurts" setzt Amina Gusner folgerichtig als zentrale Sehnsucht. Da gibt ein Ehemann (Frank Voigtmann) aus Angst vor dem möglichen Beziehungsaus klein bei, als seine Frau (Anne Keßler) ihm gesteht, das sie gerade eben aus dem Bett eines anderen gestiegen ist. Ein anderer (Peter Rene Lüdicke) verwechselt Liebe und die Begierde seines Körpers, Zweisamkeit und nicht allein sein wollen und nötigt die Frau ( Kristin Muthwill) körperlich und psychisch auf höchst beklernmende Weise. Hysterie ist das zentrale Element im Miteinander. Die Frauen reflektieren ihre Liebesunfähigkeit und Unzufriedenheit mit dem eigenen Ich, puschen dieses mit geradezu wahnhaftem Streben nach Anerkennung und Liebe, während die Männer ihre Aggressionen auch nach außen ausleben, ihre Umwelt unter Druck setzen. Scheinbar alltägliche Szenen steigern sich zu desaströsen Momenten, zur Unfähigkeit, auch nur kleinste Dinge zu tun. Aus einer Aufzählung zu erledigender Sachen wird die Lähmung auch nur eines dieser Dinge zu tun und schließlich der Verzweiflungsschrei einfach nur irgendwo anzufangen. Bei diesen begrenzten Innensichten scheitert das Miteinander. Kommunikation wird zur Unmöglichkeit, Missverständnisse reihen sich aneinander. "Ich liebe dich und ich glaube, du liebst mich auch - jetzt musst du es nur noch sagen"- verhallt ungehört eine Bitte. Gusner reiht Szene an Szene - der arbeitslose, noch um die kleinste Rolle bettelnde Schauspieler, die von ihren Freunden schonungslos seelisch entblößte Frau, die sich ins Vergleichen und Konkurrieren hineinsteigernden Eltern auf dem öffentlichen Spielplatz, die Therapeutin, die ihre eigenen Liebesprobleme in die Geschichte ihrer Patientin hineininterpretiert. Verschiedene Figuren, Leben und Probleme werden angerissen, ineinander verschraubt. Kurze Verbindungenergeben sich und werden aufgelöst, in anderen Konstellationen weitergesponnen - eine assoziative, szenische Collage. Projektionen, Trugbilder, Vortäuschungen auf kleinstem, fastleerem Raum. Vier Stühle und drei beleuchtete Säulen das Bühnenbild (Johannes Zacher). Effektiv in der Reduktion, Spielräume bietend ohne Konkretisierungen zu schaffen. Ebenso die Musik (Paul Wilke) - ein feiner elektronischer Klangteppich, der aufs Sparsamste verschiedene Atmosphären transportiert und doch im richtigen Moment verstummt, um die Intimität einer neuen Situation abzusetzen.
Gusner beobachtet sehr genau. Das Lachen wird bitter, da sie ihre Finger in jedermanns Wunden und Neurosen legt, diese liebevoll entlarvt, ins Groteske steigert. Mit feinem Gefühl für ihre präzise nuancierenden Schauspieler und das richtige Timing gelingen ihr intensive Momente, ein ansteckender Rhythmus, ein kurzweiliger, überaus komischer Theaterabend. Man kann diese Form von Theater für banal erklären, das Leben der meisten Menschen ist es wohl auch. Unterhaltung eben. Aber, vor allem auch wegen der durchweg sehr guten schauspielerischen Leistungen, einfach gut gemacht.
"Wenn du eines in deinem Leben ändern könntest, was würdest du ändern?", heißt es im Stück. Die Antwort: "Mein Leben!"

Anja Dürrschmidt


Munter montierte Weltliteratur

EIN ABEND VON UND MIT AMINA GUSNER IN KASSEL

Wenn es um das Fleddern von Weltliteratur geht, macht Amina Gusner niemand etwas vor. Für ihre Stücke bedient sich die Berliner Schauspielerin und Regisseurin munter bei den großen Schriftstellern, Dichtem und Philosophen - und zwar so munter, dass eigentlich Bleischweres eine erstaunliche Leichtigkeit bekommt. In freier Bearbeitung, Weiterentwicklung und Verfremdung einzelner Sätze der Meister entsteht der Text ihrer Montagen. Und Rainer Maria Rilke, Hermann Hesse, Elfriede Jelinek oder Friedrich Nietzsche klingen plötzlich so, als seien ihre Sentenzen vom Nachbartisch in der Szenekneipe aufgeschnappt.
Gusners jüngstes Werk "Mütter und Männer", das sie gemeinsam mit der Dramaturgin Anne-Sylvie König erarbeitete, wurde im Oktober am Kasseler Staatstheater uraufgeführt. Wegen des großen Erfolgs gibt es jetzt eine einmalige Zugabe. Unter dem Motto "Nur Ficken, oder was?" präsentiert das Staatstheater am Samstag ein Amina-Gusner-Spezial. Um 19.30 Uhr ist zunächst "Mütter und Männer" zu sehen: Vier Singles reden über ihre Unfähigkeiten zu lieben und zu leben und - das vor allem - aneinander vorbei. Um 22.30 Uhr steht Gusner dann selbst auf der Bühne: Zusammen mit Peter Rene Lüdicke spielt sie ihre szenische Montage "gefallen", in der sie mit Witz und Ironie den offenen und verborgenen Bedeutungen dieses Wörtchens auf die Spur kommen will. Etwa dem Wunsch, jemandem zu gefallen, dabei nicht zu sehr aufzufallen und schon gar nicht hin- oder durchzufallen.
Zwischen den beiden Theaterstücken werden zwei Dokumentarfilme des 38-jährigen Multitalents gezeigt: In "über Leben" hat sie Berliner Passanten nach dem Glück befragt, in "Ich geb mir ja Mühe" geht es um die Lebenshoffnungen jugendlicher Ausbildungsabbrecher in Potsdam.

von Joachim F. Tornau
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