| DIE ORESTIE Muttermord ruck, zuck Der Spiegel Nr. 22/24.5.04 Es geht mit Mama los, das Elend diesesLebens. Mit einem markerschütterndem "Mama!"-Schrei hebt eine "Orestie"-Inszenierung im Schauspielhaus Kassel an (Premiere soll am 22. Mai sein), die sich aufs Äußerste konzentriert: In knapp anderthalb Stunden nimmt die Geschichte des Atriden-Geschlechts ihren bekannt blutigen Verlauf. Orestes (Peter-René Lüdicke), von den Stimmen streitender Götter verfolgt, erliegt dem Fluch des Schicksals und tötet seine Mutter - die zuvor ihren Gatten Agamemnon, den König und Vater, ermordet hat. Die Rückkehr Agamemnons, des Vernichters Trojas, an seinen Hof und zurück zu Klytaimnestra, stellt die Regisseurin Amina Gusner als kaltes, entfernungsreiches Spiel der Hoheiten dar, die sich mit stolzem Argwohn begegnen. Die Bluttat selbst ist ein leidvoller, grausamer Kampf, und im rucksichtslosen Auswalzen der ehelichen Verzweiflung ein Höhepunkt der Inszenierung. Gusner hat das Aischylos-Drama (Übertragung Walter Jens) radikal gekürzt, mit modernen Texten versetzt- Musik hinzugefügt - und so den Kern einer Tragödie freigelegt, die noch immer Erschütterung und Befremden erregt. Hessischer Rundfunk, hr2 "Mikado", 24. Mai 2004 von Stefan Michalzik Moderator: Wer sich für antike Mythologie interessiert, der kann sich derzeit folgendes Menü zusammenstellen: Er geht in den Film "Troja", erlebt dort, wie die Griechen die uneinnehmbare Festung Troja doch bezwingen, mit Agamemnon und Odysseus an der Spitze, und nachdem er den Film gesehen hat und wissen möchte, wie es weitergeht, geht er ins Kasseler Staatstheater und schaut sich dort "Die Orestie" an, die am Wochenende Premiere hatte. Stefan Michalzik war dort, hat sie sich live angesehen und ihn begrüße ich nun im Studio. Guten Morgen, Herr Michalzik. Ja, und wie geht's dann weiter? Agamemnon kehrt zurück… Michalzik: Richtig, es handelt sich im Kern ja um eine Familiengeschichte. Sie sagten es ja eben schon ganz richtig, Agamemnon kehrt zurück aus dem trojanischen Krieg, siegreich nach einer sehr langen Zeit, nach 10 Jahren. Seine Frau Klytaimnestra ist in der Zwischenzeit die Geliebte des Aigisth geworden, das ist Agamemnons Neffe. Agamemnon hat Kassandra von seinem Feldzug mitgebracht, die trojanische Königstochter. Sie prophezeit mit ihren seherischen Fähigkeiten, dass Klytaimnestra Agamemnon umbringen wird - so kommt das dann auch. Es gibt die Vorgeschichte: auch Agamemnon hat praktisch seine Leiche im Keller, er hatte vor dem Feldzug gegen Troja die Tochter Iphigenie geopfert, den Göttern geopfert, um einen günstigen Wind für seine Schiffe zu bekommen. Soweit wird die Geschichte in Kassel auch erzählt, sie geht eigentlich noch weiter, aber dazu komme ich dann später. Moderator: Welchen Zugang hat nun die Regisseurin Amina Gusner zu diesem Stück gefunden? Michalzik: Ja, vielleicht erst einmal ganz kurz zur Person der Regisseurin: Amina Gusner stammt aus der Berliner Off-Theater-Szene, sie ist Ende 30. "Die Orestie" ist ihre zweite Regie-Arbeit am Staatstheater in Kassel. Man spielt in der sprachlich modernen, freien Prosa-Übertragung von Walter Jens aus dem Jahre 1979. Die Kleidung ist modern: die Herren im Anzug, die Frauen im Kostüm - man sieht die gehobene Preisklasse. Amina Gusner zeigt am Anfang Orest, der nach diesem Rachemord an der Mutter einfach nicht mehr zur Ruhe kommt, der damit Schuld auf sich geladen hat - das wiegt schwer, das verfolgt ihn. Man sieht Orest auf einer über die ganze Breite der Bühne gehenden Projektionsfläche, hinter ihm sieht man verschwommene Bilder einer nächtlichen Autofahrt. In der Vorlage wird Orest ja von den Erinyen gehetzt, von den Rachegeistern seiner Mutter - hier ist das also mehr ein innerer Vorgang, etwas Selbstquälerisches. Nach diesem Einstieg wird dann, wie gesagt, die Handlung von vorneweg erzählt. Wenn Klytaimnestra die geheuchelte Freude über Agamemnons Rückkehr erklärt, steht sie hinter einem Mikrophon. Das Eintreffen Agamemnons wird von zwei Kommentatoren einer Fernseh-News-Show begleitet. Das ist gleich am Anfang erst einmal so ein Moment wo man denkt: Gute Güte! Mediale Inszenierung als Motiv auf dem Theater - das hat man schon tausendmal gesehen. Ein bisschen Amerika-Kritik kommt dann auch noch gleich mit rein: Agamemnon spricht über den Krieg wie ein amerikanischer Politiker im Fernseh-Interview - das ist sehr von der Stange. Das ist so eine Ebene, die auch am Rande weiter mitläuft. Es gibt bluttriefende Filmaufnahmen von den Morden. Die beiden Fernsehkommentatoren, so ein bisschen angelegt fast wie ein Comedy-Duo, die begleiten die Handlung mit bis zum Schluss. Dann aber wendet Amina Gusner sich doch sehr unmittelbar den Figuren selber zu, besonders dem Orest. Moderator: Bis hier hin ist es auf jeden Fall als Familien-Krimi inszeniert, oder wo legt sie den Schwerpunkt? Es gibt ja mehrere Möglichkeiten. Michalzik: Ja, also sie legt den Schwerpunkt wirklich sehr, sehr unmittelbar auf die Figur des Orest. Auf dessen Schuld, die er ja durch den Rachemord an der Mutter auf sich gezogen hat, und man sieht ihn also auch zum Schluss weiterhin wieder auf der Flucht, auf der Straße mit diesen verschwommenen Autofahrt-Nachtbildern im Hintergrund. Und in der Vorlage gibt es ja dann im dritten Teil dieser Trilogie eine Gerichtsverhandlung bei Athene, bei der Schutzgöttin von Athen, wo Orest freigesprochen wird - das lässt Amina Gusner weg. Es gibt also sozusagen keine Erlösung für Orest, er bleibt mit seiner Schuld, mit seinem Selbstquälerischen allein zum Schluss. Moderator: Das ist also eine ganz moderne Interpretation, die sie dann gewählt hat? Michalzik: Es ist eine moderne Interpretation, in der Tat. Ihr geht es auch um die Frage: Matriarchat - Patriarchat? Das heißt also, bei Aischylos ist das ja so angelegt, dass dieser Freispruch, das bedeutet ja, dass der Mord an dem Gatten letztendlich als höher, als schlimmer bewertet wird, als der Mord an der Mutter - und das gibt es hier nicht. Hier bleibt also dieser Muttermord in seiner Schwere so stehen. Moderator: Und, wie gesagt, es ist die moderne Interpretation, hier darf sich Orest nicht mehr auf den göttlichen Haltplan berufen, er muss es mit sich selbst abmachen, mit seinem eigenen Gewissen ausspielen. Stefan Michalzik, ganz kurz noch mal: Was waren für Sie die Höhepunkte? Ist es eine einzelne schauspielerische Leistung gewesen oder mehr das Ensemble, das im Gesamten geglänzt oder nicht geglänzt hat? Michalzik: Einzelne schauspielerische Leistungen sicherlich weniger. Das Ensemble war insgesamt sehr, sehr gut gewesen muss ich sagen. Es war ein Erzählstil, ich will jetzt nicht gleich Brecht sagen, aber es war schon ein sehr episches Theater. Das heißt die Figuren sind teilweise an die Rampe herangetreten und haben ihre Position, ihre Hintergründe noch mal geschildert. Es ist alles sehr, sehr plausibel geworden, also die Handlung ist wirklich sehr, sehr schön vermittelt worden, sehr, sehr plastisch vermittelt worden. Das ist schon ganz ohne Zweifel eine Qualität. Moderator: Also, eine Aufführung, die das Kommen lohnt, entnehme ich Ihren Worten und die einen auch noch ein bisschen länger über das gesehene Stück hinaus beschäftigt? Michalzik: Ich würde sagen, man muss schon Abstriche machen auf der anderen Seite, wenn man sich einfach diese Geschichte mit der medialen Inszenierung, fast kabaretthaften Zügen, anschaut, das ist ein bisschen Geschmackssache, sag ich mal. Moderator: Okay, jeder der dorthin gehen möchte, soll es selbst entscheiden. Aber auf jeden Fall eine Empfehlung ist es, die Stefan Michalzik gegeben hat - mit Abstrichen. Die nächsten Aufführungen der "Orestie" am Kasseler Staatstheater sind am 26. Mai und dann am 5., 18. und am 25. Juni, jeweils 19.30 Uhr . DIE ORESTIE Frankfurter Rundschau, 27. Mai 2004 | 01.06.2004 Die Götter müssen draußen bleiben Sollte auf diese Idee wirklich noch niemand zuvor gekommen sein? Das wäre erstaunlich. Denn der Einfall ist so nahe liegend wie bestechend. In ihrer Inszenierung der „Orestie“ von Aischylos, die jetzt im Schauspielhaus des Kasseler Staatstheaters Premiere hatte, hat Amina Gusner den Chor der griechischen Tragödie durch Fernsehleute ersetzt. Mit Mikrofon und scharf akzentuierendem Moderatorenduktus kommentieren sie, allwissend wie es sich gehört, das Geschehen. Was vortrefflich funktioniert: als institutionalisierte Neunmalklugheit sind TV-Journalisten würdige Nachfahren des antiken Chores. Doch so frech diese Modernisierung anmuten mag – sie ist bei weitem nicht der tiefste Eingriff, den sich Gusner bei ihrer Bearbeitung der „Orestie“ erlaubt hat. Die Schauspielerin, Regisseurin und Autorin, üblicherweise zu Hause im „Theater unterm Dach“ in Berlin, lässt kaum einen Stein auf dem anderen. Von den rund 4000 Versen der Übertragung von Walter Jens aus dem Jahre 1979 bleibt nur ein Bruchteil übrig, neu sortiert, ergänzt um Kommentare und Zitate nach Christa Wolf, Franz Kafka oder Jean Anouilh, verdichtet zu einem Drama von gerade einmal anderthalb Stunden Länge. Und verweltlicht: Die Götter müssen draußen bleiben. Athene und Apoll schafften zwar noch den Sprung auf die erste und später revidierte Besetzungsliste, nicht aber auf die Bühne. Gusners „Orestie“ wird so zu einem Stück über menschliche Schuld, über Verarbeitung und Verdrängen. Es beginnt mit dem, was eigentlich erst der dritte Teil ist: Die Flucht des Orest – Mörder seiner Mutter Klytaimnestra – vor den Rachehunden seines Gewissens. Die blutige Vorgeschichte der Tat wird danach im Rückblick als antikes Court Room Drama erzählt. Klytaimnestra (Anne Keßler als kühle Geschäftsfrau) rechtfertigt sich für den Mord an ihrem Ehemann Agamemnon und dessen Geliebter Kassandra. Der smarte, aber etwas tumbe Agamemnon (Frank Voigtmann) rechtfertigt sich für die Opferung seiner Tochter Iphigenie. Und auch Orest, gegeben von dem manchmal etwas überforderten Peter René Lüdicke, plädiert auf Freispruch. Den jedoch verweigert ihm Amina Gusner, anders als Aischylos: Das optimistische Ende, das das Urteil der Geschworenen als Ausweg aus der Endlosspirale der Blutrache feiert, entfällt in der Inszenierung am Kasseler Staatstheater. Erlösung könnte es nur geben, wenn der ewige Verweis auf Schicksal und (göttliche) Fremdbestimmung einer echten Auseinandersetzung weichen würde. Die Bühne von Johannes Zacher, mit überbreiter Videowand im Hintergrund, kommt fast ohne Requisiten aus. Licht taucht sie in kaltes Blau, blutiges Rot, schmerzhaftes, gleißendes Weiß. Wie gewohnt bei Gusners Projektes treiben elektronische Klänge Paul Wilkes die Handlung voran, kontrastiert diesmal allerdings mit dem hauchzarten, wundervollen Live-Gesang von Yvonne Selig. Und mit anderer Musik aus der Konserve: Herbert Grönemeyer singt von Liebe und Morgenrot, wenn Klytaimnestra ihren Gatten in der Badewanne erwürgt. Minutenlang tut sie das, mit brachialer Gewalt. Die Szene gehört zu den Zumutungen der Inszenierung, in der ohnehin – man muss es so schlicht sagen – reichlich viel geschrieen wird. Gusner will, dass es schmerzt, und trägt mitunter etwas dick auf. Gleichwohl hat sie mit ihrer vom Premierenpublikum mit Bravorufen bedachten Regiearbeit einen anregenden Theaterabend geschaffen. Oder wie es „Pressemann 2“ (Axel Sichrovsky) formuliert: „Fragen über Fragen. Die Götter machen es uns nicht leicht. Und Ihnen noch einen schönen Abend.“ von Joachim F. Tornau |